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WHAT IS TRUTH

Sermon about John 3


WHAT IS TRUTH

Sermon about John 3

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,... voller Gnade und Wahrheit... Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden. (JOH. 1,14 u. 17)

Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? ... Ihr seid von dem Vater, dem Teufel ... Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. (JOH. 8, 43 u. 44)

Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (JOH. 18, 37 u. 38)

Jesus spricht zu Thomas: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (JOH. M, 6)

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht... (JOH. 3, 21)

Und ich will den Vater bitten, und er soll euch geben... den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen; denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. (JOH. 14, 16 u. 17)

Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. (JOH. 16,13)
Lasset uns untereinander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer lieb hat, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. (1. JOH. 4,7 u. 8)

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (JOH. 8,31 u. 32)

D ie angeführten Stellen sind Worte Jesu über die Wahrheit. Eines dieser Worte wollen wir in den Mittelpunkt unserer Meditation stellen, das Wort, in dem JesusWahrheit und Freiheit miteinander verbindet: „Die Wahrheit wird euch frei machen."

Die Wahrheitsfrage ist eine allgemein menschliche Frage. Doch wie alles Menschliche offenbarte sie sich zuerst an einem besonderen Ort und in einem besonderen Kreis von Menschen. Im griechischen Geist trat die leidenschaftliche Wahrheitssuche besonders zutage. In der Welt des späten Griechentums und für diese Welt wurde das Johannesevangelium geschrieben. Die Worte, die Jesus hier spricht, werden ihm wie immer vom Evangelisten in den Mund gelegt, um die Antwort des Christentums auf die zentrale Frage des griechischen Geistes zu verdeutlichen: auf die Wahrheitsfrage. Die Antwort wird auch uns gegeben, denn auch wir stellen die Wahrheitsfrage. Und einige unter uns fragen ebenso leidenschaftlich nach der Wahrheit wie einst die Griechen — und ebenso verzweifelt.

Oft werden wir schon in früher Jugend von dem Verlangen nach Wahrheit bewegt. Ich selbst erhielt als Fünfzehnjähriger vom Geistlichen — es war mein Vater — unser Textwort als Konfirmationsspruch und Leitwort für mein künftiges Leben. Ich fühlte, daß gerade dieses Wort meinem Suchen entsprach. Und ich erinnere mich, daß ich nicht der einzige innerhalb meines Kreises war, in dem diese Sehnsucht nach Wahrheit lebte. Andererseits beobachtete ich bei mir und anderen, daß diese frühe Leidenschaft für die Wahrheit in den Jünglings- und Mannesjahren unseres Lebens sich fast zwangsläufig verliert. Warum geschieht das?

Die Wahrheit, die ein Kind zuerst in sich aufnimmt, wird ihm von den Erwachsenen vermittelt, vorwiegend von seinen Eltern. Das kann nicht anders sein. Das Kind muß diese Wahrheit einfach hinnehmen. Die Leidenschaft für die Wahrheit wird zum Schweigen gebracht durch Antworten, die das Gewicht unbestrittener Autorität haben, sei es die Autorität der Mutter oder des Vaters, eines älteren Freundes, einer Gruppe oder auch sozialer Vorbilder. Früher oder später jedoch lehnt das Kind sich gegen diese Wahrheit auf. Es erkennt die Autoritäten nicht an; entweder lehnt es sie alle ab oder eine im Namen der anderen. Es spielt die Lehrer gegen die Eltern aus, die Gruppe gegen die Lehrer, einen Freund gegen die Gruppe, die Gesellschaft gegen den Freund.

Diese Auflehnung ist ebenso unvermeidlich wie die Abhängigkeit des Kindes von der Autorität. Die Autoritäten gaben ihm etwas, wovon es leben konnte. Die Auflehnung macht es verantwortlich für Annahme oder Verwerfung der Wahrheit.

Aber ob wir uns nun in Gehorsam oder Auflehnung befinden, die Zeit kommt, in der ein neuer Weg zur Wahrheit sich uns öffnet, für viele zum Beispiel der Weg der wissenschaftlichen Forschung. Mit Eifer beschreiten wir ihn. Er scheint so sicher, so erfolgreich, so unabhängig sowohl von der Autorität wie von der Eigenwilligkeit. Er befreit von Vorurteilen und Aberglauben, er macht uns demütig und aufrichtig. Wo sonst sollten wir die Wahrheit suchen, wenn nicht in der wissenschaftlichen Forschung? Viele Menschen unserer Tage, junge und alte, primitive und hochentwickelte, praktische und gelehrte, nehmen die Antworten der Wissenschaft ohne Vorbehalt hin. Für sie ist die wissenschaftliche Wahrheit Wahrheit an sich. Poesie kann Schönheit schenken, doch zweifellos keine Wahrheit. Ethik kann uns zu einem guten Leben verhelfen, aber Wahrheit kann sie uns nicht vermitteln. Religion kann tiefe Gefühle hervorbringen, sollte aber nicht beanspruchen, die Wahrheit zu haben. Nur Wissenschaft vermittelt uns Wahrheit. Sie gibt uns neue Einsichten in das Wirken der Natur, in das Gewebe menschlicher Geschichte, in die Verborgenheiten menschlichen Geisteslebens. Sie schenkt uns das Gefühl einer Freude, die von keiner anderen Freude übertroffen wird. Wer diesen Übergang von Finsternis oder Unklarheit ins klare Licht des Wissens erlebt hat, wird immer die wissenschaftliche Wahrheit und den Verstand rühmen. Mit einigen großen Theologen des Mittelalters wird er sagen, daß die Prinzipien, durch die wir unsere Welt erkennen, das ewige, göttliche Licht in unserer Seele sind. Und doch — wenn wir diejenigen fragen, die ihre Studien an unseren höheren Schulen und Universitäten beendeten, ob sie dort eine Wahrheit gefunden haben, die für ihr Leben entscheidend ist, werden sie nur zögernd antworten. Einige werden sagen, sie hätten das, was sie an wesentlicher Wahrheit besessen hätten, verlören. Andere werden sagen, sie gäben auf solche Wahrheit nichts, da das Leben Tag für Tag auch ohne sie weitergehe. Wieder andere werden uns von einer Person, einem Buch, einem Ereignis außerhalb ihrer Studien erzählen, woraus ihnen das Empfinden erwuchs, einer wesentlichen Wahrheit begegnet zu sein. Aber sie alle werden darin übereinstimmen, daß uns das Werk der Gelehrten die für unser Leben entscheidende Wahrheit nicht schenken kann.

Wo denn sonst können wir sie erlangen? „Nirgends", antwortet Pilatus in seinem Gespräch mit Jesus. „Was ist Wahrheit?", fragt er und drückt in diesen drei Worten seine eigene Verzweiflung an der Wahrheit aus — und auch die seiner Zeitgenossen. Damit spricht er zugleich die Verzweiflung von Millionen unserer Zeitgenossen an der Wahrheit aus, in den Schulen und Ateliers, in Geschäft und Beruf. Offen oder verborgen, zugegeben oder unterdrückt lebt in uns allen die Verzweiflung an der Wahrheit als ständige Drohung. Wir sind Kinder unserer Zeit, wie Pilatus Kind seiner Zeit war. Beide Zeiten sind Zeiten der Auflösung, Zeiten eines weltweiten Verlustes von Wert und Sinn. Niemand kann sich völlig von dieser Wirklichkeit frei machen, und niemand sollte es versuchen. Laßt mich jetzt etwas tun, was vom Standpunkt eines Christen aus ungewöhnlich ist. Ich möchte nämlich Pilatus preisen — nicht den ungerechten Richter Pilatus, sondern den Zyniker und Skeptiker — und ebenso alle unter uns, in denen die Pilatusfrage lebendig ist. Denn auf dem Grunde jedes ernsten Zweifels und jeder Verzweiflung an der Wahrheit ist immer noch die Leidenschaft für die Wahrheit am Werk. Gebt nicht zu schnell jenen nach, die euch von der Angst um dieWahrheit befreien wollen. Laßt euch nicht zu einer Wahrheit verführen, die nicht wirklich eure Wahrheit ist, auch nicht, wenn der Verführer eure Kirche ist, eure Partei oder die Tradition eures Elternhauses. Wenn ihr nicht mit Jesus gehen könnt, so geht mit Pilatus, aber geht dann auch im Ernst mit ihm!

Auf zwei Wegen naht sich uns die Versuchung, die belastende Frage nach der wesentlichen Wahrheit loszuwerden. Den einen Weg schlagen die ein, die behaupten, die Wahrheit zu besitzen, und den anderen jene, die nicht nach der Wahrheit fragen. Die auf dem ersten Wege werden in unserem Evangelium „die Juden" genannt. Sie weisen auf ihre Überlieferung hin, die bis auf Abraham zurückführt. Abraham ist ihr Vater. So besitzen sie die ganze Wahrheit und brauchen sich nicht um die Frage zu beunruhigen, die ihnen in Jesus entgegentritt. Viele von uns, seien sie christlich oder weltlich eingestellt, sind im Sinne des vierten Evangeliums „Juden". Sie weisen auf ihre Überlieferung hin, die bis auf die Kirchenväter, auf die Päpste, auf die Reformatoren zurückgeht, oder weisen auf die hin, die die deutsche Geistesgeschichte oder die amerikanische Verfassung geschaffen haben. Ihre Kirche oder ihre Nation ist ihre Mutter, und damit besitzen sie die ganze Wahrheit und brauchen sich nicht um die Wahrheitsfrage zu bemühen. Würde Jesus ihnen vielleicht sagen, was er den Juden sagte, daß auch, wenn die Kirche oder die Nation ihre Mutter ist, sie das Erbe des Vaters aller Lüge in sich tragen, und daß die Wahrheit, die sie besitzen, nicht die Wahrheit ist, die frei macht» Wo man selbstzufrieden die Wahrheit des eigenen Glaubens betrachtet, da herrscht zweifellos keine Freiheit. Freiheit ist auch nicht da, wo man ausUnwissenheit und Fanatismus fremde Gedanken und eine andere Lebensart ablehnt. Und statt Freiheit herrscht dämonische Knechtschaft da, wo man die eigene Wahrheit als unbedingte Wahrheit bezeichnet. Denn das ist ein Versuch, Gott gleich zu sein, den man im Namen Gottes macht.

Es gibt einen zweiten Weg, auf dem man die Wahrheitsfrage vermeidet. Das ist der Weg, auf dem man nicht nach der Wahrheit fragt, der Weg der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Das ist der Weg der meisten Menschen in unserer wie in Jesu Zeit. Das Leben, so sagen sie sich, ist aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge gemischt. Es ist durchaus möglich, in diesem Zustand zu leben, sich durch die Schwierigkeiten des Lebens hindurchzuarbeiten, ohne die Frage nach einer Wahrheit zu stellen, die uns unbedingt angeht. Es mag Grenzsituationen geben: ein tragisches Ereignis, ein tiefer geistiger Sturz, der Tod. Aber solange man weit davon entfernt ist, mag auch die Wahrheitsfrage noch in weiter Ferne bleiben! So entsteht die allgemeine Haltung: ein wenig von der Skepsis des Pilatus, besonders in Angelegenheiten, in denen man heutzutage ohne Gefahr zweifeln kann, wie zum Beispiel in der Frage nach Gott und Christus, auch ein wenig vom Dogmatismus der Juden, besonders in Angelegenheiten, deren Bejahung man heute fordert, wie ζ. B. eine bestimmte wirtschaftliche oder politische Lebenseinstellung. Mit anderen Worten: etwas Skepsis, etwas Dogmatik und eine kluge Methode, beides abzugleichen, befreien uns von der Last, die Frage nach der letzten Wahrheit zu stellen.

Die aber unter uns, die das Wagnis auf sich nehmen, der Wahrheitsfrage ins Gesicht zu sehen, mögen nun hören, was das vierte Evangelium darüber sagt. Zunächst sind wir davon betroffen, daß die Wahrheit, von der Jesus spricht, nicht eine Lehre, sondern eine Wirklichkeit ist, nämlich er selbst: „Ich bin die Wahrheit". Das ist eine völlige Umwandlung des üblichen Wahrheitsbegrifies. Für uns sind Behauptungen wahr oder falsch. Menschen mögen Wahrheit besitzen oder nicht. Wie aber können sie Wahrheit sein, sogar die Wahrheit? Die Wahrheit, von der das vierte Evangelium spricht, ist eine wahre Wirklichkeit — jene Wirklichkeit, die uns nie ent-täuscht, wenn wir sie annehmen und mit ihr leben. Wenn Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit", so verkündigt er damit, daß in ihm die wahre, unverfälschte, unbedingte Wirklichkeit gegenwärtig ist, oder mit anderen Worten, daß in ihm Gott gegenwärtig ist, unverhüllt, ohne Entstellung, in seiner unendlichen Tiefe, in seinem unnahbaren Geheimnis. Jesus ist nicht darum die Wahrheit, weil seine Lehren wahr sind, sondern seine Lehren sind wahr, weil sie die Wahrheit, die er selbst ist, zum Ausdruck bringen. Er ist mehr als seine Worte. Und er ist mehr als jedes Wort, das über ihn gesagt worden ist. Die Wahrheit, die uns frei macht, ist weder Jesu Lehre noch die Lehre über Jesus. Diejenigen, die die Lehre Jesu als „die Wahrheit" bezeichneten, haben die Menschen einer Gesetzesknechtschaft unterworfen. Und viele Menschen leben gern unter einem Gesetz. Sie wollen vorgeschrieben bekommen, was sie denken sollen und was nicht. Und Jesus ist ihnen der unfehlbare Lehrer und ein neuer Gesetzgeber. Aber auch Jesu Worte sind — sobald sie als Gesetz genommen werden — nicht die Wahrheit, die uns frei macht. Und sie sollten von unseren Gelehrten, Predigern und Religionslehrern nicht als Gesetz aufgefaßt werden, auch niemals als eine Sammlung unfehlbarer Vorschriften für Leben und Denken. Sie weisen hin auf die Wahrheit, stellen aber kein Gesetz der Wahrheit auf. Auch die Lehren über Jesus sind nicht die Wahrheit, die frei macht. Ich sage euch das als jemand, der ein Leben lang um einen wahrhaftigen Ausdruck für die Wahrheit, die der Christus ist, gerungen hat. Aber je mehr man daran arbeitet, um so klarer wird einem, daß unsere Ausdrücke sowie alles, was unsere Lehrer und die kirchliche Lehre aller Zeiten uns vermittelt haben, nicht die Wahrheit sind, die uns frei macht. Die Kirche vergaß sehr früh das Wort unseres Evangeliums, daß der Christus die Wahrheit ist, und forderte die Anerkennung, daß ihre Lehren über ihn die Wahrheit seien. Aber diese Lehren, so gut und notwendig auch immer sie waren, erwiesen sich nicht als die Wahrheit, die frei macht. Nur zu bald wurden sie zu Werkzeugen der Unterdrückung, der Versklavung unter Autoritäten. Sie wurden Werkzeuge für die Verhinderung einer aufrichtigen Wahrheitssuche, wur-den Waffen zur Spaltung der Menschenseelen zwischen Treue gegen die Kirche und Ehrlichkeit gegenüber der Wahrheit.· Und auf diese Weise gaben sie zugleich denen, die im Namen der Wahrheit die Kirche und ihre Lehren angriffen, tödliche Waffen in die Hand. Nicht jedermann empfindet diesen Konflikt. Es gibt viele Menschen, die sich unter dem Gesetz eines Dogmas am geborgensten fühlen. Sie sind in Sicherheit, aber in der Sicherheit eines Menschen, der seine geistige Freiheit und sein wahres Selbst noch nicht gefunden hat. Es ist die Würde und Gefahr des Protestantismus, daß jeder seiner Anhänger .der Unsicherheit ausgesetzt wird, in der er sich der Wahrheitsfrage stellen muß. In die Freiheit und Verantwortlichkeit persönlicher Entscheidungen hinausgestoßen, wird ihm das Recht gegeben, zu wählen zwischen den Wegen der Skeptiker und denen der Orthodoxen, zwischen denen der gleichgültigen Massen und dem Weg dessen, der die Wahrheit ist. Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er über die Lehren Jesu und auch über die Lehren der Kirche hinausweist auf ihn, dessen Wesen die Wahrheit ist.

Wie erlangen wir diese Wahrheit» Dadurch, daß wir „die Wahrheit tun", so lautet die Antwort des vierten Evangeliums. Das heißt nicht, die Gebote befolgen, sie annehmen und erfüllen. Die Wahrheit tun, heißt, aus der Wirklichkeit leben, die er ist, der die Wahrheit ist und damit sein Sein zu unserem Sein und zum Sein der Welt macht. Und wieder fragen wir: Wie kann das geschehen» Durch „das Bleiben in ihm", ist die Antwort des vierten Evangeliums, das heißt, durch das Teilhaben an seinem Sein. „Bleibet in mir und ich in euch", sagt er. Die Wahrheit, die frei macht, ist die Wahrheit, an der wir teilhaben. Sie ist ein Teil von uns, und wir sind ein Teil von ihr. Wahre Jüngerschaft ist Teilhabe. Wenn die wirkliche, unbedingte, göttliche Wirklichkeit seines Seins unser Sein wird, dann sind wir in der wesenhaften Wahrheit.

Und zum drittenmal fragen wir: Wie kann das geschehen? In unserem Evangelium gibt es eine Antwort, die uns zutiefst erschrecken kann: „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme". „Aus der Wahrheit sein" bedeutet, aus der wahren, unbedingten Wirklichkeit herkommen, in seinem Wesen bestimmt werden durch den göttlichen Grund alles Seins und durch jene Wirklichkeit, ,die im Christus gegenwärtig ist. Wenn wir an dieser Wirklichkeit teilhaben, erkennen wir sie, wo immer sie erscheint. Wir erkennen sie, wie sie im Christus in ihrer Erfüllung erscheint. Aber einige Menschen werden verzweifelt fragen: Wenn wir nicht daran teilhaben, wenn wir nicht aus der Wahrheit sind, sind wir dann für immer aus dieser Wirklichkeit ausgeschlossen? Müssen wir ein Leben ohne Wahrheit, ein Leben in Irrtum und Sinnlosigkeit auf uns nehmen? Wer sagt uns, daß wir aus der Wahrheit sind, daß wir Aussicht haben, ein solches Leben zu erlangen? Niemand kann euch das sagen. Aber es gibt ein Kriterium. Wenn ihr ernstlich die Frage stellt: Sind wir aus der Wahrheit?, dann seid ihr aus der Wahrheit. Wenn ihr nicht ernstlich fragt, dann wollt ihr auch nicht wirklich, und ihr verdient keine Antwort und könnt sie auch nicht erhalten. Wer mit großem Ernst die Frage nach der Wahrheit stellt, die frei macht, ist bereits auf dem Wege zu seiner Befreiung. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft dogmatischer Selbstsicherheit, hat aber bereits begonnen, frei von ihr zu werden. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft zynischer Verzweiflung, aber doch schon auf dem Wege, aus ihr herauszukommen. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft der Gleichgültigkeit gegenüber der wesentlichen Wahrheit, aber diese Gleichgültigkeit ist bereits erschüttert. Alle, denen es so geht, sind aus der Wahrheit und sind auf ihrem Wege zur Wahrheit.

Auf diesem Wege wird euch die befreiende Wahrheit in mancher Form begegnen, mit einer Ausnahme: ihr werdet sie niemals finden in der Form von Sätzen, die ihr auswendig lernen, niederschreiben und mit nach Hause nehmen könnt. Ihr könnt ihr in einem Satz eines Buches begegnen oder in einem Satz einer Unterhaltung, einer Lektüre oder einer Predigt. Dieser Satz selbst ist nicht die Wahrheit, aber er kann euch aufgeschlossen machen für die Wahrheit und kann euch befreien von der Bindung an Meinungen, Vorurteile und Konventionen. Wie dieHelligkeit eines Blitzes einen vorher dunklen Ort erleuchtet, so leuchtet die wahre Wirklichkeit plötzlich auf. Oder sie tritt langsam hervor wie eine Landschaft, wenn der Nebel dünner und dünner wird und endlich verschwindet. Neue Finsternisse, neue Nebel werden euch umgeben. Aber wenigstens einmal habt ihr die Wahrheit erfahren und damit die Freiheit, die die Wahrheit schenkt. Ihr könnt auch in der Begegnung mit der Natur von der Wahrheit ergriffen werden, in der Begegnung mit ihrer Schönheit und Vergänglichkeit, oder in der Begegnung mit einem Menschen iii Freundschaft und Entfremdung, in Liebe, in Streit und Haß, oder in der Begegnung mit euch selbst durch eine plötzliche Einsicht in das verborgene Streben eurer Seele, in Abscheu vor euch selbst, ja sogar im Haß gegen euch selbst. In diesen Begegnungen könnt ihr die wahre Wirklichkeit finden — die Wahrheit, die euch von Illusionen und falschen Autoritäten frei macht, von der Sklaverei durch Ängste, Wünsche und Feindseligkeiten, von falscher Ablehnung eures Selbst und falscher Selbstbejahung.

Und es kann geschehen, daß ihr ergriffen werdet von dem Bilde und der Macht dessen, der die Wahrheit ist. Es gibt keine Regel dafür, daß es immer so sein muß. Viele Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten sind der in ihm lebenden wahren Wirklichkeit begegnet, ohne daß sie seinen Namen kannten. Das hat er selbst gesagt. Sie waren aus der Wahrheit, und sie erkannten die Wahrheit, obwohl sie ihn, der die Wahrheit ist, niemals gesehen hatten. Jene aber, die ihn gesehen haben, die Christen aller Zeiten, besitzen keine Bürgschaft dafür, daß sie teilhaben an der Wahrheit, die er ist. Es kann sein, daß sie nicht aus der Wahrheit sind. Jene aber, die aus der Wahrheit sind und die ihm begegnet sind, der die Wahrheit ist, besitzen etwas Kostbares, das die anderen nicht haben: Sie haben einen festen Ort, von dem aus sie alle ihnen irgendwo begegnende Wahrheit beurteilen können. Sie blicken auf ein Leben, das nie die Gemeinschaft mit dem göttlichen Grund alles Lebens verlor, und sie erwählten ein Leben, das niemals die liebende Einheit mit allen Wesen verlor.

Und das führt zu dem letzten Wort, das der Schreiber des Evangeliums und der Briefe des Johannes über die Wahrheit zu sagen hat: daß die Wahrheit, die frei macht, die Macht derLiebe ist, denn Gott ist Liebe. Der Vater der Lüge bindet uns dadurch an sich, daß er uns an uns selbst bindet — oder an das in uns, was nicht unser wahres Selbst ist. Liebe befreit vom Vater der Lüge, da sie uns von unserem falschen Selbst befreit und uns zu unserem wahren Selbst hinführt — zu jenem Selbst, das in der wahren Wirklichkeit gegründet ist. Darum vertraut keinem Anspruch auf Wahrheit, der nicht Wahrheit und Liebe verbindet. Und seid gewiß, daß ihr nur dann aus der Wahrheit seid und daß euch die Wahrheit nur dann ergriffen hat, wenn euch auch die Liebe ergriffen und wenn sie begonnen hat, euch frei zu machen von euch selbst.

 

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,... voller Gnade und Wahrheit... Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden. (JOH. 1,14 u. 17)

Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? ... Ihr seid von dem Vater, dem Teufel ... Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. (JOH. 8, 43 u. 44)

Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (JOH. 18, 37 u. 38)

Jesus spricht zu Thomas: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (JOH. M, 6)

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht... (JOH. 3, 21)

Und ich will den Vater bitten, und er soll euch geben... den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen; denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. (JOH. 14, 16 u. 17)

Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. (JOH. 16,13)
Lasset uns untereinander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer lieb hat, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. (1. JOH. 4,7 u. 8)

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (JOH. 8,31 u. 32)

D ie angeführten Stellen sind Worte Jesu über die Wahrheit. Eines dieser Worte wollen wir in den Mittelpunkt unserer Meditation stellen, das Wort, in dem JesusWahrheit und Freiheit miteinander verbindet: „Die Wahrheit wird euch frei machen."

Die Wahrheitsfrage ist eine allgemein menschliche Frage. Doch wie alles Menschliche offenbarte sie sich zuerst an einem besonderen Ort und in einem besonderen Kreis von Menschen. Im griechischen Geist trat die leidenschaftliche Wahrheitssuche besonders zutage. In der Welt des späten Griechentums und für diese Welt wurde das Johannesevangelium geschrieben. Die Worte, die Jesus hier spricht, werden ihm wie immer vom Evangelisten in den Mund gelegt, um die Antwort des Christentums auf die zentrale Frage des griechischen Geistes zu verdeutlichen: auf die Wahrheitsfrage. Die Antwort wird auch uns gegeben, denn auch wir stellen die Wahrheitsfrage. Und einige unter uns fragen ebenso leidenschaftlich nach der Wahrheit wie einst die Griechen — und ebenso verzweifelt.

Oft werden wir schon in früher Jugend von dem Verlangen nach Wahrheit bewegt. Ich selbst erhielt als Fünfzehnjähriger vom Geistlichen — es war mein Vater — unser Textwort als Konfirmationsspruch und Leitwort für mein künftiges Leben. Ich fühlte, daß gerade dieses Wort meinem Suchen entsprach. Und ich erinnere mich, daß ich nicht der einzige innerhalb meines Kreises war, in dem diese Sehnsucht nach Wahrheit lebte. Andererseits beobachtete ich bei mir und anderen, daß diese frühe Leidenschaft für die Wahrheit in den Jünglings- und Mannesjahren unseres Lebens sich fast zwangsläufig verliert. Warum geschieht das?

Die Wahrheit, die ein Kind zuerst in sich aufnimmt, wird ihm von den Erwachsenen vermittelt, vorwiegend von seinen Eltern. Das kann nicht anders sein. Das Kind muß diese Wahrheit einfach hinnehmen. Die Leidenschaft für die Wahrheit wird zum Schweigen gebracht durch Antworten, die das Gewicht unbestrittener Autorität haben, sei es die Autorität der Mutter oder des Vaters, eines älteren Freundes, einer Gruppe oder auch sozialer Vorbilder. Früher oder später jedoch lehnt das Kind sich gegen diese Wahrheit auf. Es erkennt die Autoritäten nicht an; entweder lehnt es sie alle ab oder eine im Namen der anderen. Es spielt die Lehrer gegen die Eltern aus, die Gruppe gegen die Lehrer, einen Freund gegen die Gruppe, die Gesellschaft gegen den Freund.

Diese Auflehnung ist ebenso unvermeidlich wie die Abhängigkeit des Kindes von der Autorität. Die Autoritäten gaben ihm etwas, wovon es leben konnte. Die Auflehnung macht es verantwortlich für Annahme oder Verwerfung der Wahrheit.

Aber ob wir uns nun in Gehorsam oder Auflehnung befinden, die Zeit kommt, in der ein neuer Weg zur Wahrheit sich uns öffnet, für viele zum Beispiel der Weg der wissenschaftlichen Forschung. Mit Eifer beschreiten wir ihn. Er scheint so sicher, so erfolgreich, so unabhängig sowohl von der Autorität wie von der Eigenwilligkeit. Er befreit von Vorurteilen und Aberglauben, er macht uns demütig und aufrichtig. Wo sonst sollten wir die Wahrheit suchen, wenn nicht in der wissenschaftlichen Forschung? Viele Menschen unserer Tage, junge und alte, primitive und hochentwickelte, praktische und gelehrte, nehmen die Antworten der Wissenschaft ohne Vorbehalt hin. Für sie ist die wissenschaftliche Wahrheit Wahrheit an sich. Poesie kann Schönheit schenken, doch zweifellos keine Wahrheit. Ethik kann uns zu einem guten Leben verhelfen, aber Wahrheit kann sie uns nicht vermitteln. Religion kann tiefe Gefühle hervorbringen, sollte aber nicht beanspruchen, die Wahrheit zu haben. Nur Wissenschaft vermittelt uns Wahrheit. Sie gibt uns neue Einsichten in das Wirken der Natur, in das Gewebe menschlicher Geschichte, in die Verborgenheiten menschlichen Geisteslebens. Sie schenkt uns das Gefühl einer Freude, die von keiner anderen Freude übertroffen wird. Wer diesen Übergang von Finsternis oder Unklarheit ins klare Licht des Wissens erlebt hat, wird immer die wissenschaftliche Wahrheit und den Verstand rühmen. Mit einigen großen Theologen des Mittelalters wird er sagen, daß die Prinzipien, durch die wir unsere Welt erkennen, das ewige, göttliche Licht in unserer Seele sind. Und doch — wenn wir diejenigen fragen, die ihre Studien an unseren höheren Schulen und Universitäten beendeten, ob sie dort eine Wahrheit gefunden haben, die für ihr Leben entscheidend ist, werden sie nur zögernd antworten. Einige werden sagen, sie hätten das, was sie an wesentlicher Wahrheit besessen hätten, verlören. Andere werden sagen, sie gäben auf solche Wahrheit nichts, da das Leben Tag für Tag auch ohne sie weitergehe. Wieder andere werden uns von einer Person, einem Buch, einem Ereignis außerhalb ihrer Studien erzählen, woraus ihnen das Empfinden erwuchs, einer wesentlichen Wahrheit begegnet zu sein. Aber sie alle werden darin übereinstimmen, daß uns das Werk der Gelehrten die für unser Leben entscheidende Wahrheit nicht schenken kann.

Wo denn sonst können wir sie erlangen? „Nirgends", antwortet Pilatus in seinem Gespräch mit Jesus. „Was ist Wahrheit?", fragt er und drückt in diesen drei Worten seine eigene Verzweiflung an der Wahrheit aus — und auch die seiner Zeitgenossen. Damit spricht er zugleich die Verzweiflung von Millionen unserer Zeitgenossen an der Wahrheit aus, in den Schulen und Ateliers, in Geschäft und Beruf. Offen oder verborgen, zugegeben oder unterdrückt lebt in uns allen die Verzweiflung an der Wahrheit als ständige Drohung. Wir sind Kinder unserer Zeit, wie Pilatus Kind seiner Zeit war. Beide Zeiten sind Zeiten der Auflösung, Zeiten eines weltweiten Verlustes von Wert und Sinn. Niemand kann sich völlig von dieser Wirklichkeit frei machen, und niemand sollte es versuchen. Laßt mich jetzt etwas tun, was vom Standpunkt eines Christen aus ungewöhnlich ist. Ich möchte nämlich Pilatus preisen — nicht den ungerechten Richter Pilatus, sondern den Zyniker und Skeptiker — und ebenso alle unter uns, in denen die Pilatusfrage lebendig ist. Denn auf dem Grunde jedes ernsten Zweifels und jeder Verzweiflung an der Wahrheit ist immer noch die Leidenschaft für die Wahrheit am Werk. Gebt nicht zu schnell jenen nach, die euch von der Angst um dieWahrheit befreien wollen. Laßt euch nicht zu einer Wahrheit verführen, die nicht wirklich eure Wahrheit ist, auch nicht, wenn der Verführer eure Kirche ist, eure Partei oder die Tradition eures Elternhauses. Wenn ihr nicht mit Jesus gehen könnt, so geht mit Pilatus, aber geht dann auch im Ernst mit ihm!

Auf zwei Wegen naht sich uns die Versuchung, die belastende Frage nach der wesentlichen Wahrheit loszuwerden. Den einen Weg schlagen die ein, die behaupten, die Wahrheit zu besitzen, und den anderen jene, die nicht nach der Wahrheit fragen. Die auf dem ersten Wege werden in unserem Evangelium „die Juden" genannt. Sie weisen auf ihre Überlieferung hin, die bis auf Abraham zurückführt. Abraham ist ihr Vater. So besitzen sie die ganze Wahrheit und brauchen sich nicht um die Frage zu beunruhigen, die ihnen in Jesus entgegentritt. Viele von uns, seien sie christlich oder weltlich eingestellt, sind im Sinne des vierten Evangeliums „Juden". Sie weisen auf ihre Überlieferung hin, die bis auf die Kirchenväter, auf die Päpste, auf die Reformatoren zurückgeht, oder weisen auf die hin, die die deutsche Geistesgeschichte oder die amerikanische Verfassung geschaffen haben. Ihre Kirche oder ihre Nation ist ihre Mutter, und damit besitzen sie die ganze Wahrheit und brauchen sich nicht um die Wahrheitsfrage zu bemühen. Würde Jesus ihnen vielleicht sagen, was er den Juden sagte, daß auch, wenn die Kirche oder die Nation ihre Mutter ist, sie das Erbe des Vaters aller Lüge in sich tragen, und daß die Wahrheit, die sie besitzen, nicht die Wahrheit ist, die frei macht» Wo man selbstzufrieden die Wahrheit des eigenen Glaubens betrachtet, da herrscht zweifellos keine Freiheit. Freiheit ist auch nicht da, wo man ausUnwissenheit und Fanatismus fremde Gedanken und eine andere Lebensart ablehnt. Und statt Freiheit herrscht dämonische Knechtschaft da, wo man die eigene Wahrheit als unbedingte Wahrheit bezeichnet. Denn das ist ein Versuch, Gott gleich zu sein, den man im Namen Gottes macht.

Es gibt einen zweiten Weg, auf dem man die Wahrheitsfrage vermeidet. Das ist der Weg, auf dem man nicht nach der Wahrheit fragt, der Weg der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Das ist der Weg der meisten Menschen in unserer wie in Jesu Zeit. Das Leben, so sagen sie sich, ist aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge gemischt. Es ist durchaus möglich, in diesem Zustand zu leben, sich durch die Schwierigkeiten des Lebens hindurchzuarbeiten, ohne die Frage nach einer Wahrheit zu stellen, die uns unbedingt angeht. Es mag Grenzsituationen geben: ein tragisches Ereignis, ein tiefer geistiger Sturz, der Tod. Aber solange man weit davon entfernt ist, mag auch die Wahrheitsfrage noch in weiter Ferne bleiben! So entsteht die allgemeine Haltung: ein wenig von der Skepsis des Pilatus, besonders in Angelegenheiten, in denen man heutzutage ohne Gefahr zweifeln kann, wie zum Beispiel in der Frage nach Gott und Christus, auch ein wenig vom Dogmatismus der Juden, besonders in Angelegenheiten, deren Bejahung man heute fordert, wie ζ. B. eine bestimmte wirtschaftliche oder politische Lebenseinstellung. Mit anderen Worten: etwas Skepsis, etwas Dogmatik und eine kluge Methode, beides abzugleichen, befreien uns von der Last, die Frage nach der letzten Wahrheit zu stellen.

Die aber unter uns, die das Wagnis auf sich nehmen, der Wahrheitsfrage ins Gesicht zu sehen, mögen nun hören, was das vierte Evangelium darüber sagt. Zunächst sind wir davon betroffen, daß die Wahrheit, von der Jesus spricht, nicht eine Lehre, sondern eine Wirklichkeit ist, nämlich er selbst: „Ich bin die Wahrheit". Das ist eine völlige Umwandlung des üblichen Wahrheitsbegrifies. Für uns sind Behauptungen wahr oder falsch. Menschen mögen Wahrheit besitzen oder nicht. Wie aber können sie Wahrheit sein, sogar die Wahrheit? Die Wahrheit, von der das vierte Evangelium spricht, ist eine wahre Wirklichkeit — jene Wirklichkeit, die uns nie ent-täuscht, wenn wir sie annehmen und mit ihr leben. Wenn Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit", so verkündigt er damit, daß in ihm die wahre, unverfälschte, unbedingte Wirklichkeit gegenwärtig ist, oder mit anderen Worten, daß in ihm Gott gegenwärtig ist, unverhüllt, ohne Entstellung, in seiner unendlichen Tiefe, in seinem unnahbaren Geheimnis. Jesus ist nicht darum die Wahrheit, weil seine Lehren wahr sind, sondern seine Lehren sind wahr, weil sie die Wahrheit, die er selbst ist, zum Ausdruck bringen. Er ist mehr als seine Worte. Und er ist mehr als jedes Wort, das über ihn gesagt worden ist. Die Wahrheit, die uns frei macht, ist weder Jesu Lehre noch die Lehre über Jesus. Diejenigen, die die Lehre Jesu als „die Wahrheit" bezeichneten, haben die Menschen einer Gesetzesknechtschaft unterworfen. Und viele Menschen leben gern unter einem Gesetz. Sie wollen vorgeschrieben bekommen, was sie denken sollen und was nicht. Und Jesus ist ihnen der unfehlbare Lehrer und ein neuer Gesetzgeber. Aber auch Jesu Worte sind — sobald sie als Gesetz genommen werden — nicht die Wahrheit, die uns frei macht. Und sie sollten von unseren Gelehrten, Predigern und Religionslehrern nicht als Gesetz aufgefaßt werden, auch niemals als eine Sammlung unfehlbarer Vorschriften für Leben und Denken. Sie weisen hin auf die Wahrheit, stellen aber kein Gesetz der Wahrheit auf. Auch die Lehren über Jesus sind nicht die Wahrheit, die frei macht. Ich sage euch das als jemand, der ein Leben lang um einen wahrhaftigen Ausdruck für die Wahrheit, die der Christus ist, gerungen hat. Aber je mehr man daran arbeitet, um so klarer wird einem, daß unsere Ausdrücke sowie alles, was unsere Lehrer und die kirchliche Lehre aller Zeiten uns vermittelt haben, nicht die Wahrheit sind, die uns frei macht. Die Kirche vergaß sehr früh das Wort unseres Evangeliums, daß der Christus die Wahrheit ist, und forderte die Anerkennung, daß ihre Lehren über ihn die Wahrheit seien. Aber diese Lehren, so gut und notwendig auch immer sie waren, erwiesen sich nicht als die Wahrheit, die frei macht. Nur zu bald wurden sie zu Werkzeugen der Unterdrückung, der Versklavung unter Autoritäten. Sie wurden Werkzeuge für die Verhinderung einer aufrichtigen Wahrheitssuche, wur-den Waffen zur Spaltung der Menschenseelen zwischen Treue gegen die Kirche und Ehrlichkeit gegenüber der Wahrheit.· Und auf diese Weise gaben sie zugleich denen, die im Namen der Wahrheit die Kirche und ihre Lehren angriffen, tödliche Waffen in die Hand. Nicht jedermann empfindet diesen Konflikt. Es gibt viele Menschen, die sich unter dem Gesetz eines Dogmas am geborgensten fühlen. Sie sind in Sicherheit, aber in der Sicherheit eines Menschen, der seine geistige Freiheit und sein wahres Selbst noch nicht gefunden hat. Es ist die Würde und Gefahr des Protestantismus, daß jeder seiner Anhänger .der Unsicherheit ausgesetzt wird, in der er sich der Wahrheitsfrage stellen muß. In die Freiheit und Verantwortlichkeit persönlicher Entscheidungen hinausgestoßen, wird ihm das Recht gegeben, zu wählen zwischen den Wegen der Skeptiker und denen der Orthodoxen, zwischen denen der gleichgültigen Massen und dem Weg dessen, der die Wahrheit ist. Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er über die Lehren Jesu und auch über die Lehren der Kirche hinausweist auf ihn, dessen Wesen die Wahrheit ist.

Wie erlangen wir diese Wahrheit» Dadurch, daß wir „die Wahrheit tun", so lautet die Antwort des vierten Evangeliums. Das heißt nicht, die Gebote befolgen, sie annehmen und erfüllen. Die Wahrheit tun, heißt, aus der Wirklichkeit leben, die er ist, der die Wahrheit ist und damit sein Sein zu unserem Sein und zum Sein der Welt macht. Und wieder fragen wir: Wie kann das geschehen» Durch „das Bleiben in ihm", ist die Antwort des vierten Evangeliums, das heißt, durch das Teilhaben an seinem Sein. „Bleibet in mir und ich in euch", sagt er. Die Wahrheit, die frei macht, ist die Wahrheit, an der wir teilhaben. Sie ist ein Teil von uns, und wir sind ein Teil von ihr. Wahre Jüngerschaft ist Teilhabe. Wenn die wirkliche, unbedingte, göttliche Wirklichkeit seines Seins unser Sein wird, dann sind wir in der wesenhaften Wahrheit.

Und zum drittenmal fragen wir: Wie kann das geschehen? In unserem Evangelium gibt es eine Antwort, die uns zutiefst erschrecken kann: „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme". „Aus der Wahrheit sein" bedeutet, aus der wahren, unbedingten Wirklichkeit herkommen, in seinem Wesen bestimmt werden durch den göttlichen Grund alles Seins und durch jene Wirklichkeit, ,die im Christus gegenwärtig ist. Wenn wir an dieser Wirklichkeit teilhaben, erkennen wir sie, wo immer sie erscheint. Wir erkennen sie, wie sie im Christus in ihrer Erfüllung erscheint. Aber einige Menschen werden verzweifelt fragen: Wenn wir nicht daran teilhaben, wenn wir nicht aus der Wahrheit sind, sind wir dann für immer aus dieser Wirklichkeit ausgeschlossen? Müssen wir ein Leben ohne Wahrheit, ein Leben in Irrtum und Sinnlosigkeit auf uns nehmen? Wer sagt uns, daß wir aus der Wahrheit sind, daß wir Aussicht haben, ein solches Leben zu erlangen? Niemand kann euch das sagen. Aber es gibt ein Kriterium. Wenn ihr ernstlich die Frage stellt: Sind wir aus der Wahrheit?, dann seid ihr aus der Wahrheit. Wenn ihr nicht ernstlich fragt, dann wollt ihr auch nicht wirklich, und ihr verdient keine Antwort und könnt sie auch nicht erhalten. Wer mit großem Ernst die Frage nach der Wahrheit stellt, die frei macht, ist bereits auf dem Wege zu seiner Befreiung. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft dogmatischer Selbstsicherheit, hat aber bereits begonnen, frei von ihr zu werden. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft zynischer Verzweiflung, aber doch schon auf dem Wege, aus ihr herauszukommen. Er ist vielleicht noch in der Knechtschaft der Gleichgültigkeit gegenüber der wesentlichen Wahrheit, aber diese Gleichgültigkeit ist bereits erschüttert. Alle, denen es so geht, sind aus der Wahrheit und sind auf ihrem Wege zur Wahrheit.

Auf diesem Wege wird euch die befreiende Wahrheit in mancher Form begegnen, mit einer Ausnahme: ihr werdet sie niemals finden in der Form von Sätzen, die ihr auswendig lernen, niederschreiben und mit nach Hause nehmen könnt. Ihr könnt ihr in einem Satz eines Buches begegnen oder in einem Satz einer Unterhaltung, einer Lektüre oder einer Predigt. Dieser Satz selbst ist nicht die Wahrheit, aber er kann euch aufgeschlossen machen für die Wahrheit und kann euch befreien von der Bindung an Meinungen, Vorurteile und Konventionen. Wie dieHelligkeit eines Blitzes einen vorher dunklen Ort erleuchtet, so leuchtet die wahre Wirklichkeit plötzlich auf. Oder sie tritt langsam hervor wie eine Landschaft, wenn der Nebel dünner und dünner wird und endlich verschwindet. Neue Finsternisse, neue Nebel werden euch umgeben. Aber wenigstens einmal habt ihr die Wahrheit erfahren und damit die Freiheit, die die Wahrheit schenkt. Ihr könnt auch in der Begegnung mit der Natur von der Wahrheit ergriffen werden, in der Begegnung mit ihrer Schönheit und Vergänglichkeit, oder in der Begegnung mit einem Menschen iii Freundschaft und Entfremdung, in Liebe, in Streit und Haß, oder in der Begegnung mit euch selbst durch eine plötzliche Einsicht in das verborgene Streben eurer Seele, in Abscheu vor euch selbst, ja sogar im Haß gegen euch selbst. In diesen Begegnungen könnt ihr die wahre Wirklichkeit finden — die Wahrheit, die euch von Illusionen und falschen Autoritäten frei macht, von der Sklaverei durch Ängste, Wünsche und Feindseligkeiten, von falscher Ablehnung eures Selbst und falscher Selbstbejahung.

Und es kann geschehen, daß ihr ergriffen werdet von dem Bilde und der Macht dessen, der die Wahrheit ist. Es gibt keine Regel dafür, daß es immer so sein muß. Viele Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten sind der in ihm lebenden wahren Wirklichkeit begegnet, ohne daß sie seinen Namen kannten. Das hat er selbst gesagt. Sie waren aus der Wahrheit, und sie erkannten die Wahrheit, obwohl sie ihn, der die Wahrheit ist, niemals gesehen hatten. Jene aber, die ihn gesehen haben, die Christen aller Zeiten, besitzen keine Bürgschaft dafür, daß sie teilhaben an der Wahrheit, die er ist. Es kann sein, daß sie nicht aus der Wahrheit sind. Jene aber, die aus der Wahrheit sind und die ihm begegnet sind, der die Wahrheit ist, besitzen etwas Kostbares, das die anderen nicht haben: Sie haben einen festen Ort, von dem aus sie alle ihnen irgendwo begegnende Wahrheit beurteilen können. Sie blicken auf ein Leben, das nie die Gemeinschaft mit dem göttlichen Grund alles Lebens verlor, und sie erwählten ein Leben, das niemals die liebende Einheit mit allen Wesen verlor.

Und das führt zu dem letzten Wort, das der Schreiber des Evangeliums und der Briefe des Johannes über die Wahrheit zu sagen hat: daß die Wahrheit, die frei macht, die Macht derLiebe ist, denn Gott ist Liebe. Der Vater der Lüge bindet uns dadurch an sich, daß er uns an uns selbst bindet — oder an das in uns, was nicht unser wahres Selbst ist. Liebe befreit vom Vater der Lüge, da sie uns von unserem falschen Selbst befreit und uns zu unserem wahren Selbst hinführt — zu jenem Selbst, das in der wahren Wirklichkeit gegründet ist. Darum vertraut keinem Anspruch auf Wahrheit, der nicht Wahrheit und Liebe verbindet. Und seid gewiß, daß ihr nur dann aus der Wahrheit seid und daß euch die Wahrheit nur dann ergriffen hat, wenn euch auch die Liebe ergriffen und wenn sie begonnen hat, euch frei zu machen von euch selbst.

 

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1 Comment

  1. Mara Höner says:

    Wahrheit ist Wirklichkeit und sowohl nirgends als auch überall, auch in der Begegnung mit dem Leben und sich selbst, zu finden. Die Suche nach Wahrheit beinhaltet auch immer Zweifel und Verzweiflung, Jesus aber sagt zu den Menschen: Ich bin die Wahrheit.
     

    Kind und die Beziehung zu JesusBildquelle: //www.dmgint.de/assets/images/9/Asiatin-ebeffed9.jpg

    Aufruf am 17.12.2017

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